Was passiert eigentlich mit der ganzen Kleidung, die seit November in den Läden hängt?

Jede Woche erscheinen in den Medien mehrere Artikel über die Lockdown-bedingt unverkauften Warenmengen im Bekleidungseinzelhandel. Eine Übersicht.

Die Situation

Der BTE Handelsverband Textil prognostizierte Anfang Januar in einer Pressemitteilung „bis Ende Januar eine riesige Lawine von einer halben Milliarde unverkaufter Modeartikel“.

500 Millionen sind bei 83 Millionen Einwohnern statistisch gesehen 6 Artikel pro Person ─ Säuglinge und bettlägerige Patienten in den Pflegeheimen eingeschlossen. Meine vierköpfige Familie müsste jetzt mal schnell 24+ Artikel shoppen, damit im Handel Platz für die nächste Frühjahrsware ist.

Die Modebranche spricht von „verderblicher“ Ware, die von Tag zu Tag an Wert verliert. So titelt die Modedesignerin und Journalistin Nina Piatscheck in der Zeit von 18. Februar denn auch: „Das muss hier weg!“ Aber wo soll und kann es denn hin? Der Artikel stellt das Für und Wider der Optionen vor und zeigt auf, welche Wege einzelne Unternehmen gehen.

  • Andere Kanäle wählen: Onlineshops, Social Media und Schaufenster-Shopping: Der stationäre Handel eröffnet sich zunehmend diese Kanäle. Dies wird angenommen, ist aber keine Lösung für die große Menge.
  • An Off-Price-Handelsketten wie TK Maxx oder Shoppingclubs wie Vente Priveé weiterreichen: Auch hier werden die Lager irgendwann überfüllt sein.
  • Aufkäufer wie die Captiva GmbH in Neuss verschiffen die Ware nach Russland, Osteuropa, Nordafrika oder USA. Funktioniert in einer weltweiten Pandemie wohl nur bedingt.
  • Einlagern? Dies ist auf den ersten Blick eine sinnvolle und nachhaltige Option. Aber die nächste Saison sieht schon wieder andere Farben und Formen vor. Und die meisten Unternehmen brauchen die Liquidität, um die nächste Ware bezahlen zu können, die bereits vor langem geordert und produziert wurde. Zudem fehlen vielfach ausreichend Lagerkapazitäten. Und hier kommt zusätzlich die Lieferkette ins Spiel: Denn alles, was für die nächste Saison eingelagert wird, reduziert die Aufträge für die Hersteller. In den Produktionsländern, wie z. B. Indien und Bangladesch haben schon jetzt 300.000 Menschen in der Industrie ihre Arbeit verloren.
  • Spenden: Tatsächlich hat das Spendenaufkommen bei den klassischen Hilfsorganisationen seit Beginn der Pandemie nicht zugenommen. Diese Lösung ist für Unternehmen eine bürokratische und vor allem teure Option, denn auf Sachspenden müssen sie Umsatzsteuer bezahlen.
  • Letzter Ausweg: Als Abfall schreddern oder verbrennen? Dies ist in den meisten Fällen kostengünstiger als Spenden. Besonders Billigware wird auf diese Weise entsorgt, aber auch Luxusmode. Denn die Edelhersteller wollen nicht, dass ihre Produkte verramscht werden, um das Markenimage nicht zu gefährden.
    Seit 2020 verbietet übrigens das überarbeitete Kreislaufwirtschaftsgesetz, intakte Ware zu zerstören. Trotzdem finden Unternehmen Wege, Kleidung zu vernichten.

Das SR Fernsehen lieferte Anfang Februar in seinem Magazin „Wir im Saarland“ eine gute Zusammenfassung der Gesamtproblematik in der Branche, die aufzeigt, wie sich die Lage seit Jahren zuspitzt: Die Fast Fashion erzeugt Überproduktion, mangelhafte Qualität und Probleme im Textilrecycling (Länge: 5 Minuten).

Was nun?

Wie in vielen Bereichen des Lebens und Wirtschaftens legt die Pandemie auch in der Textilbranche den Finger in die offene Wunde und bringt zutage, dass grundsätzlich etwas nicht (mehr) funktioniert. Rund 10-30 % der Ware war auch in vor-pandemischen Zeiten schon Überschuss. Die Kleiderstangen und Regale hängen voll mit Kleidungsstücken mit kurzer Halbwertszeit. Kein Händler kann sicher sein, welche Artikel gut laufen. Man will nicht ohne Ware dastehen bzw. frühzeitig etwas nicht mehr anbieten können. Das ist wie mit der Erwartung, dass 10 Minuten vor Ladenschluss beim Bäcker noch jede Sorte Brot und Brötchen vorhanden sein muss.

Ist es wirklich das, was wir wollen?

Es keimt ein wenig Hoffnung auf, dass an vielen Ecken ein Umdenken stattfindet.

Im McKinsey Fashion 2021 Survey ist zu lesen, dass 61 % der Modehersteller die Anzahl der produzierten Teile reduzieren möchte, 30 % planten weniger Kollektionen pro Jahr.  Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft würden in der gesamten Branche interessanter, man schaue auf die sechs R: Reducing, Recycling, Refurbishing, Reselling, Renting und Repairing (Reduzieren, Recyceln, Aufarbeiten, Weiterverkaufen, Mieten und Reparieren).

Auch in der Politik bewegt sich etwas: Am 23. Februar haben Die Grünen zusammen mit dem Einzelhandelsverband Deutschland (HDE) und dem paritätischen Wohlfahrtsverband ihre Initiative #SpendenStattVernichten vorgestellt, die das Ziel hat, die Umsatzsteuer auf Sachspenden abzuschaffen. Es ist wünschenswert, das diese Regelung nicht nur für die aktuelle Situation gilt, sondern grundsätzlich rechtssicher festgeschrieben wird.

Faire Mode (Ethical Fashion) ist eine Alternative durch transparentere Lieferketten und weniger schnelle Zyklen. Elke Schilling vom fairen Bonner Modelabel Alma&Lovis berichtete mir im Telefoninterview, dass sie durch Abstimmung mit ihren Produzenten und durch gestiegene Online-Nachfrage ihrer treuen Kundschaft weniger Überschuss hätten als zunächst befürchtet. Und das, was übrig sei, werde bis zur nächsten Wintersaison eingelagert. Faire Mode ist von Haus aus nicht „verderblich“, sondern auf mehr als eine Saison ausgelegt.

Noch weiter geht der Ansatz den das Slowfashion-Label bellaLeyk verfolgt. Ihre Fashion on Demand wird erst dann produziert, wenn jemand das Bekleidungsstück bestellt, wobei individuelle Wünsche berücksichtigt werden. Hierbei fällt erst gar kein Überschuss an. Die so gefertigten Stücke sind nicht nur nicht verderblich, sondern gewinnen möglicherweise sogar an Wert.

Um zum Brötchen-Beispiel zurückzukommen: Wie Wirtschaften im 21. Jahrhundert gehen kann, zeigt der Bäcker Max Kugel, der seit 2017 bei mir um die Ecke eine überschaubare Anzahl von Brotsorten verkauft, von denen er täglich so viele backt, wie er handwerklich hochwertig in seinem Ofen herstellen kann. Obwohl die Laibe mehr kosten, als bei der Kette nebenan, sind sie oft bereits nachmittags ausverkauft. Das Konzept geht auf: Am Ende des Tages wird nichts weggeworfen, Max Kugel hat exakt seinen kalkulierten Umsatz gemacht ─ und der Biss in die Stulle ist für alle Kund:innen ein echter Genuss.

Comment (1)

  1. Martina

    Danke für die tolle Übersicht und Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte von dem Dilemma ‚Mode – Verschwendung’ und den Folgen daraus! Weniger ist mehr – bei dem Beispiel von Bäcker Kugel wird es besonders mundgerecht nachvollziehbar. M

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