Spinnen am Abend erquickend und labend

Wie kamen diese Worte in meinen Wortschatz? Ich kann es nicht mehr herausfinden, aber ich kannte diesen Spruch schon als Kind. Damals erfüllte er mich stets mit einem leichten Schauder, denn ich war davon überzeugt, dass es um die Spinnentiere ging. So leuchtete mir natürlich überhaupt nicht ein, warum sie am Abend erquickend und labend sein sollten, ich gruselte mich zu jeder Tageszeit vor ihnen. Erst während des Studiums zur Textilingenieurin entdeckte ich den Ursprung dieser Redewendung. Und der führt zurück in die frühen Tage der Industrialisierung.

Die Industrialisierung nahm ihren Anfang im 18. Jahrhundert mit der Mechanisierung der Weberei. 1733 erfand der britische Unternehmer John Kay den sogenannten Schnellschützen. Anders als das klassische Webschiffchen, das per Hand durch das Fach am Webstuhl befördert wird, wurde der Schnellschütze mechanisch abgeschlagen. Hierdurch konnte der Schussfaden nicht nur viel schneller befördert werden, sondern es waren auch größere Webbreiten möglich. Die Weber konnten fortan doppelt so viel Gewebe produzieren. Mehr Gewebe bedeutete jedoch auch mehr Bedarf an Garn. In der Folge kam es zum sogenannten Garnhunger, den man mit allen Mitteln zu stillen versuchte.

Der ganze Spruch hat drei Zeilen:

Spinnen am Abend erquickend und labend

Spinnen am Morgen voll Kummer und Sorgen

Spinnen am Mittag bringt Glück am dritten Tag

Durch den Garnhunger wurde das Spinnen am Spinnrad zur Beschäftigung über alle Gesellschaftsschichten hinweg. Selbst die „Damen der Gesellschaft“ setzten sich am Abend in geselliger Runde beisammen und spannen gemeinsam das ein und andere Fädchen. Für sie war das Spinnen am Abend, erquickend und labend.

Wer sich bereits am Morgen an das Spinnrad setzte, tat dies nicht zur Muße, sondern hatte zumeist keine andere Arbeit oder kein eigenes Feld und somit schon morgens Zeit. Man war auf die wenigen Taler angewiesen, die sich mit dem Garn verdienen ließen und die halfen, den Kummer und die Sorgen etwas zu lindern.

Bleibt noch die Frage nach der letzten Zeile. Wer sich erst mittags ans Spinnrad setzte, ging morgens zunächst einer anderen Arbeit nach. Das Spinnen war hier ein Nebenverdienst, dessen Einnahmen mit etwas Glück zurückgelegt werden konnten. Spinnen am Mittag bringt Glück am dritten Tag.

Recherchiert man im Netz, finden sich auch Bedeutungen im Zusammenhang mit den Spinnentieren – aber aus meiner Sicht ist die textile Geschichte absolut plausibel und einleuchtend, und das nicht nur, weil ich mich vor Spinnen schüttele. Der Name der Spinnentiere Arachnida hat nämlich ebenfalls einen textilen Ursprung. Er geht auf eine Figur aus der griechischen Mythologie zurück. Arachne war eine weithin gelobte Weberin, die sich jedoch in ihrer Hochmut mit der Göttin Athene anlegte und von dieser am Ende in eine Webspinne verwandelt wurde.

Ich freue mich jedenfalls darauf, an diesem Blog weiterzuspinnen, egal ob mittags oder abends. Morgens habe ich bis jetzt noch was anderes zu tun.

Bild: unter Verwendung einer Illustration von Edouard Marcel Sandoz; in: Olivia E. Coolidge: Greek Myths, 1949, Houghton Mifflin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.